Bankster rettet Banker: Krisen-Ideologien 2008

In Deutschland tobt der Volkskrieg gegen die „Bankster“. Die rechtschaffenen und ergebnisorientierten Spekulanten, viele Jahre zuständig für die Realisierung bedeutender Teile des nationalen Wachstums, sind so gut wie aus der berühmten Volksgemeinschaft ausgestoßen. Der Vorwurf lautet: Sie sind gescheitert. Die „Gier“ wird von Bild-Redakteuren und Bischöfen verteufelt. Alle sind wahnsinnig turbokapitalismuskritisch.

Das Bankwesen an sich und der stinknormale kapitalistische Kredit steigen dagegen geradezu täglich im öffentlichen Ansehen, sogar zu Weihnachten. Gefürchtet wird überall nicht der unerbittliche Befehl des Kredits, aus Geld mehr Geld zu machen, sondern die „Kreditklemme“ – das nicht gegebene Darlehen.

Unverschämtheit: Die Zocker halten sich jetzt auch noch mit ihrem Geld zurück. Ein tiefer Graben geht durch die Klassengesellschaft. Auf der einen Seite die redlichen Unternehmer und ihr williges Personal, auf der anderen das perfide Finanzkapital. Es ist schwer vorstellbar, daß eine Werbekampagne für die sozia­len Leistungen des Geldverleihens, beauftragt zum Beispiel von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, jemals auch nur annäherungsweise eine solche Durchschlagskraft gezeitigt hätte. Nichts tut dem Renommee des Bankers so wohl wie die Beschimpfung des „Banksters“. Nichts versöhnt einen mehr mit dem Kapitalismus als die Verdammung des „Turbokapitalismus“. Nichts läßt die „Marktwirtschaft“ so menschenfreundlich erscheinen wie die Denunziation des Neoliberalismus.

Der unverwüstliche Humanist Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung schreibt zum Advent: „Die Weltgemeinschaft hat es zwar nicht vermocht, den Krieg abzuschaffen – aber immerhin, ihn einzuhegen, Regeln dafür aufzustellen, was im Krieg erlaubt ist und was nicht. Das muß auch für den Kapitalismus gelingen.“ Auf die Bankbosse muß nur genug Druck ausgeübt werden! Ein Bild-Kolumnist weiß die Nation hinter sich, wenn er den Bankern entrüstet das allgemeine Anliegen vorträgt: „Kaum zu glauben, daß plötzlich viele Geldhäuser die staatlichen Hilfen angeblich nicht in Anspruch nehmen wollen. Auf dieses staatliche Hilfsangebot zu verzichten, ist kein Zeichen von Stärke, sondern ein Zeichen von Überheblichkeit und vielleicht sogar von Gier.“

Der Bundespräsident macht in seiner Weihnachtsansprache aus der Kritik, daß viel „Geld verspielt“ wurde, das Lob der Bankenrettung durch „besonnene Politiker und Bürger“. Von den Verantwortlichen in der Wirtschaft verlangt er „Achtsamkeit für das Allgemeinwohl“. Und wenn man bedenkt, was diese „Verantwortlichen“ beinahe „verspielt“ hätten, wird auch klar, worin dieses Allgemeinwohl in der bürgerlichen Welt besteht: in der Stärke des nationalen Kredits. Pünktlich spricht Köhler unter dem Beifall der bürgerlichen Öffentlichkeit den nächsten Appell aus: „Wir werden uns anstrengen müssen.“ Zum Glück hätten die „Reformen der vergangenen Jahre und die Bereitschaft zu einem neuen Miteinander in den Betrieben“ die Gesellschaft gestärkt für die anstehenden Aufgaben.

Wer also im Verbund mit Medien und Politik das Nichtfunktionieren und Scheitern von Kreditgeschäften kritisiert, möchte einfach nur besser funktionieren. Dafür wird auch sehr intensiv öffentlich geworben. Die Leitartikel der Weihnachtszeit waren voller Sorge, ob die Menschen denn auch ausreichend die Bankenrettungsmaßnahmen wertschätzten. Die finanzielle „Krise“ muß internalisiert sein. Die Arbeitsleute, auch wenn noch nicht selbst von Entlassung oder Kurzarbeit betroffen, sollen sich die „Krise“ zu ihrer eigenen machen. Ihr Einsatz, beim Arbeiten, beim Wählen und ihm Ehrenamt, ist gefragt, um heraus zu kommen. Ebenso wie ihre Disziplin, ihre wenigen Streiktage, ihre rentable und in der Konkurrenz siegreiche Ausbeutung es ermöglichten, daß die „Blase“ überhaupt so groß werden konnte.