Zu: Gewerkschaften und „die Krise“

Es ist gut drei Monate her, als in Deutschland plötzlich die Eigentumsfrage im Raum stand. Zwei Tage nach dem 18. Geburtstag der 1990er-Republik hatten Kanzlerin Angela Merkel und Kassenwart Peer Steinbrück mit Riesen-Börsenkatern in den Gesichtern öffentlich anzutreten und sie zu beantworten. Sie taten es ein bißchen verschlüsselt: Merkel garantierte zweimal für die Sparbücher. Sagen wollte sie etwa: Wenn morgen die Leute ihre Groschen von den Banken holen, gibt es womöglich noch in dieser Woche für den guten Euro keine Stulle mehr! Da konnte der kleine Mann lernen, daß das für schlechtere Zeiten oder den wohlverdienten Ruhestand Gesparte längst wichtige Dienste für immense Geschäfte von nationaler Bedeutung leistet. Eigensüchtige Vorsichtsmaßnahmen waren also zu unterlassen. Und das haben die Sparbuchinhaber in den Oktobertagen zur Zufriedenheit zumindest des Herrn Köhler hingekriegt, wie er sie an Neujahr wissen ließ.

Jetzt werden neue Einsichten verlangt, die von allen Guten die Rettung des Finanzwesens erheischt. Es geht um Löhne, und Adressat der Appelle sind die Gewerkschaften. Ihnen „würfelt“ laut FAZ die „Finanz- und Wirtschaftsmisere ihre Pläne“ durcheinander, ihren Leuten „ein dickes Stück vom Aufschwung“ zu sichern. Die Neue Osnabrücker Zeitung weiß, auch „Arbeitgeber und Gewerkschaften sind gefordert“, wenn auf den „Jobboom“ jetzt „kein tiefer Fall“ folgen soll. Die Süddeutsche Zeitung gibt die verständnisvolle Kennerin der Lebenswirklichkeit deutscher Proleten, wenn sie Forderungen des Klinikpersonals als „nicht unangemessen“ und die der Bahn-Mitarbeiter als „legitimes Interesse“ adelt. Dann weist sie aber darauf hin, daß die einzelnen Branchen mit Tarifrunden nun einmal „zu günstigen und zu ungünstigen Zeiten dran sind“. Lohnzuwächse seien gegen diese Rezession ungefähr so geeignet wie Aspirin gegen Krampfadern. Man fragt sich, wofür es noch Marxisten braucht, wenn der Gegensatz zwischen Lohn und Kapital so offen in der Zeitung steht.

Derlei Mahnungen verfangen nur bei Gewerkschaften, die Standortlogik über alles setzen und denen Eigensucht fremd ist. Wer mehr Geld verlangt, will es für die Konjunktur und nimmt von seiner Forderung damit auch gleich wieder Abstand – wenn sie den Geschäften schadet. Von dieser Haltung gibt es derzeit reihenweise Kostproben. Ver.di-Chef Frank Bsirske fordert die acht Prozent für das Landesklinikpersonal nicht etwa als „dickes Stück vom Aufschwung“, sondern damit „die Nachfrage erhöht“ und „der Abschwung gemildert“ werde. Ver.di-Verhandler Achim Meerkamp verlangt „konkurrenzfähige Löhne“ für den öffentlichen Dienst. Das muß man einfach mögen. Und IG-Metall-Chef und -Visionär Berthold Huber bot an, man werde Lohnerhöhungen verschieben, wenn man damit „Arbeitsplätze sichern“ könne. Und fügte hinzu: „Wir werden es aber nicht tun, um Aktionären oder Eigentümern die Profite und Rendite in der Krise zu sichern.“ Wozu denn um Himmels willen sonst? Will er etwa nicht, daß die „Konjunktur anspringt“?


1 Antwort auf “Zu: Gewerkschaften und „die Krise“”


  1. 1 contradictio.de » Allgemein » Gruppe Kapitalismus begreifen Pingback am 22. Februar 2009 um 22:48 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.