Zum Fall der Koma-Patientin Eluana Englaro

Ein Todesfall spaltet ein Land, seine Regierung, die Öffentlichkeit. Und neben den ganzen weltlichen Instanzen, denen um ihre Definitionshoheit über das sittlich Gebotene zu tun ist, fühlt sich natürlich auch der Papst auf den Plan gerufen: Alles dreht sich um die Frage, ob es angehen kann, daß man eine Frau, die seit 17 Jahren unter künstlicher Ernährung im Koma liegt, sterben läßt.

Das Konfliktpotential, das der Fall der 38-jährige Eluana Englaro, die einige Tage nach dem Abschalten der lebenserhaltenden Geräte starb, in sich birgt, ist nicht von Pappe:

Berlusconi will eine vom Mailänder Kassationsgericht verabschiedete Genehmigung der Sterbehilfe per Notverordnung stoppen, Präsident Napolitano verweigert jedoch seine Unterschrift. Die politischen Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber, es kommt gar zu Handgreiflichkeiten im Senat, katholische wie liberale Demonstranten ziehen auf die Straße und beschimpfen sich wechselseitig. Der Aufruhr ist perfekt, als sich auch noch der Vatikan einschaltet und gegen die gottlose Entscheidung der Ärzte und von Eluanas Vater wettert.

Trotz des erbittert geführten Disputs über die letzten Dinge, der sich bis in die höchsten Ebenen weltlicher wie geistig-moralischer Herrschaft zieht: Ein gemeinsamer Nenner ist in der ganzen Debatte fraglos unterstellt – die Entscheidungshoheit über Leben und Tod, die Verfügungsgewalt über die menschliche Existenz an sich hat bei niemandem anders als beim Staat zu liegen. Darin sind sich alle Lager einig. Auch in Italien gilt eines der höchsten demokratischen Rechtsgüter, verankert als Grundrecht: Das Recht auf Leben.

Daß dies nicht unbedingt ein Glück für die Verrechteten darstellt macht dieser Fall erneut klar: Egal wie erbärmlich die Bedingungen „des Lebens“ gerade sind, egal wie sich der von diesem Leben Betroffene dazu stellt, er hat es auszuhalten, solange seine Obrigkeit dies dekretiert. Sogar für einen Extremfall wie Englaro, bei dem man bestenfalls noch aus rein medizinischer Sicht von Leben sprechen kann, und gerade dann gilt: Von der Wiege bis zur Bahre liegt die letzte Entscheidung über Leben und Tod bei der staatlichen Hoheit, an ihrem Beschluss haben sich private Kalkulationen sterbewilliger Untertanen bzw. von deren Angehörigen auszurichten. Das Ganze gilt nun keinesfalls als Anmaßung, sondern im Gegenteil als eines der höchsten bewahrenswerten Rechtsgüter, eben als Menschen-Recht, also etwas der Abstraktion „Mensch“ Gemäßes.

Deshalb geht das im Geiste christlicher Menschenliebe geäußerte Diktum des Papstes, daß „die Euthanasie eine falsche Lösung im Drama des Leids“ sei, auch zielgenau an der Sache vorbei: Wo Faschisten (die sollen mit dem Begriff „Euthanasie“ wohl assoziiert werden) noch ganz praktisch und mit aller Brutalität unterschieden haben, wer als nützlicher Teil der Gemeinschaft oder als auszumerzender Volksschädling galt, setzt die demokratische Herrschaft „das Leben“ ihrer Untertanen ganz prinzipiell als Grund- und Menschenrecht in Kraft – das dürfen und müssen diese dann auch wahrnehmen, ob sie nun wollen oder nicht.

Vor dem Vorwurf des Zynismus sicher weiß sich deshalb auch ein Berlusconi wenn er die Hoheit des italienischen Staates über das Leben seiner Bürger ausdrückt als Dienst an ihnen: „Ich würde mich mit der unterlassenen Hilfeleistung gegenüber einer Person in Lebensgefahr schuldig fühlen“, beteuert der Ministerpräsident und leistet sich damit eine ziemliche Verdrehung der Tatsachen: Da gilt plötzlich die (bloß) private Entscheidung von Individuen, ihr Leben zu beenden, als Gefahr, und der uneingeschränkte staatliche Zugriff auf das Leben einer Bürger als Hilfestellung.

Damit macht er klar, daß nicht etwa Kritik am Staat anzustehen hat, sondern Dankbarkeit. Benedikt XVI. kann da nur beipflichten, in dem er seine sinnstiftende Interpretation der den Menschen zugemuteten Leiden präsentiert: „Keine Träne – von denen, die leiden und von denen, die mit ihnen leiden – ist vor Gott verloren.“ Und wenn’s jener so will, ist die Staatskrise in Italien auch bald wieder überwunden, eine gesetzliche Neuregelung gefunden, und der Italiener weiß sich wieder gut betreut von Obrigkeit und Klerus im Leben wie im Tod.


1 Antwort auf “Zum Fall der Koma-Patientin Eluana Englaro”


  1. 1 contradictio.de » Allgemein » Gruppe Kapitalismus begreifen Pingback am 22. Februar 2009 um 22:48 Uhr
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