Haiti: Herrschen und helfen

In den Trümmern von Port-au-Prince geht ein altbekanntes Gespenst um. Dessen Erscheinen hatte auch jedermann sehnlichst erwartet, nachdem ein Erdbeben am vergangenen Dienstag aus Haiti, dem „ärmsten Land der westlichen Hemisphäre“, das allerärmste Land der westlichen Hemisphäre gemacht hat. Das Gespenst ist die „Weltgemeinschaft“. Diese wird natürlich auch im Fall Haitis von den USA angeführt. Der Umstand, dass die Vereinigten Staaten erst mal 11.000 Soldaten in die desolate Inselrepublik schicken, zeigt gut, dass es auch im zerstörten Port-au-Prince zunächst um Sicherung geht. Dass diese Sicherung aber nichts mit der möglichst effizienten Verteilung von Lebensmitteln oder sonstiger Hilfe zu tun hat, hört man aus den Klagen der Staaten heraus, die im Gefolge der USA in Haiti antreten. Frankreich, Brasilien und Deutschland leiden bereits lautstark darunter, dass ihr Aufwand vor Ort unter Ami-Dach und -Kommando stattzufinden hat. Was öffentlich unter dem Titel „möglichst wirkungsvolle Hilfe“ gefasst wird, ist also nichts als ein stinknormaler imperialistischer Konkurrenzfall.

Um die Öffentlichkeiten zu Hause für die Richtigkeit des jeweils eigenen Aufwands in Haiti agitieren, wird in Presse, Funk und Fernsehen der Nationen, die sich zuständig fühlen, nicht an der Schilderung von Einzelheiten der Tragödie gespart. Aber kaum erfährt man etwas über die trostlose Situation dort, stellt sich heraus, dass die nachhaltigen Schwierigkeiten in der Folge der Katastrophe gar nichts mit dem Erdbeben selber zu tun haben: die Leute dort haben kein Geld; es gab bereits vorher keine funktionierende Wasserversorgung mehr; ein wachstumsträchtiges Wirtschaften, aus dem der Staat Machtmittel schöpfen könnte, gibt es sowieso nicht; Letzterer ist für seine Durchsetzungsfähigkeit längst auf Truppen aus dem interessierten und potenten Ausland angewiesen. Was also weltweit als „Schicksalschlag“ oder „Katastrophe biblischen Ausmaßes“ firmiert, ist ein weitgehend hergestelltes Elend. Hergestellt von genau der Weltgemeinschaft, die es eben gibt, und auf deren Hilfsbereitschaft es nun ankommen soll: eine stets zuständige Supermacht und ihre de-facto-Juniorpartner, die so gerne Herausforderer wären.

In den Medien der genannten Staaten ist da ständig über die jeweils anderen zu lesen und zu hören, diesen ginge es „nicht nur“ um „humanitäre“ Interessen, sondern auch um Macht. Ein Vorwurf, der auch bei „kritischen“ Menschen oft vorkommt, der sich aber an den guten Gründen blamiert, die die USA, Frankreich oder EU/Deutschland für ihr Eingreifen dort haben. Deren Zuständige machen gar kein Hehl aus ihren tiefen Zweifeln daran, ob Hilfsgüter und -gelder je bei Bedürftigen ankommen. Ihnen geht es um ihre Ansprüche an Ordnung in Haiti, nicht um die Lebensbedingungen der Menschen. Und gegen die vor den Erdstößen bestehende Ordnung gab es keine großen Einwände (z.B. ganz im Gegensatz zur dauernden Sorge über das benachbarte Unterdrückerregime in Kuba, dessen Ärzte aktuell die einzige nennenswerte Notfallversorgung in Port-au-Prince bewerkstelligen). Solche Ordnung soll wieder her, das Volk war und bleibt abgeschrieben.

Auch die Heerscharen von Hilfsbeflissenen und Spendern, die sich an der Zurückversetzung Haitis in den früheren Zustand eines „ärmsten Landes der westlichen Welt“ beteiligen, machen sich meist nicht viel vor über die Absichten der Schirmherren dieses zynischen „Wiederaufbau“-Projekts. Trotzdem lassen sie sich für deren Zwecke anwerben und setzen damit den moralischen Schein der staatlichen Kalkulationen ins Recht. Diese Berechnungen in Washington, Paris, Berlin oder auch Brasilia dürfen sich dann auch so lange als das „Allgemeinwohl“ der „Weltgemeinschaft“ anpreisen und aufführen, wie sich jede segensreiche Tat auf der Welt von ihren Machtmitteln abhängig macht. Und so lange die Kritik an ihrem Haiti-Engagement folglich so geht, dass sie zwar „nicht nur“, aber „immerhin“ sagt, läuft sie auf ein einziges Lob der Weltgemeinschaft hinaus, die überall über Reichtum und Armut, Luxus und Elend entscheidet.


5 Antworten auf “Haiti: Herrschen und helfen”


  1. 1 Administrator 19. Januar 2010 um 10:31 Uhr

    Zum Anlass weisen wir auf zwei ältere GegenStandpunkt-Artikel zu Haiti hin:
    Imperialismus als humanitäre Aktion
    Ein erneutes “demokratisches Experiment” für Haiti: Im Elend stillhalten als Staatsräson (2004)
    zu finden unter:
    http://www.gs-marburg.de/texte/2004-06-16haiti.htm

    Haiti – Eine ungeliebte Ordnungsaktion im Hinterhof für die Glaubwürdigkeit der USA (1994)
    zu finden unter:
    http://www.landplage.de/texte/haiti.pdf

  2. 2 xxl 19. Januar 2010 um 13:50 Uhr
  3. 3 Jonathan 19. Januar 2010 um 20:49 Uhr

    Diese armen Leute in diesem armen Land. Die tun mir echt leid. Leben schon in Armut und dann das. Einfach schrecklich.

  1. 1 Haiti: Über Imperialismus und Elendsvoyeurismus « //Magazin für linken Boulevardjournalismus Pingback am 19. Januar 2010 um 22:53 Uhr
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