Haltet die Betriebsräte in Ehren!

Bald ist es ein Jahr her, dass Frau Schaeffler ihren roten Schal aus dem großen Schrank holte, um sich vor dem Personal, das sich mit den Berechnungen der Konzernchefin solidarisch erklärte, unter Tränen in den Winter zu stellen. Auch in der Frankfurter IG-Metall-Zentrale soll sie so aufgetreten sein. Es waren und sind eben Krisenzeiten, und die verlangen allen Seiten ihren Beitrag ab. Dass die wirklich zählbaren Beiträge von den Belegschaften zu kommen haben, und dass diese das auch völlig in Ordnung finden, dafür wirkten und bürgten im vergangenen Jahr sehr lautstark führende Betriebsräte, manche sogar gleich als „Gesamtbetriebsratschefs“. Trotzdem sind diese vom Arbeitsvolk ausgewählten Funktionäre des Standorts Deutschland offenbar notorisch Anfeindungen ausgesetzt. Das hat die Jury für das „Unwort des Jahres 2009″ Mitte Januar zum Anlass genommen, mit der sprachmoralischen Verurteilung des Begriffs „betriebsratsverseucht“ eine Lanze für die Mitarbeitervertretungen zu brechen.

Die Logik, für die Betriebsräte nicht nur in der Krise stehen, hat der Opel-Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz besonders deutlich demonstriert. Sie liegt darin, dass man, um seinem Amt als Betriebsrat gerecht zu werden, denken muss wie ein Chef. Franz erkannte in der Belegschaft nicht einfach nur die Betroffenen jeglicher Sanierung, sondern „den größten Investor dieses künftigen Opel-Unternehmens“. Die von ihm als eine besondere Form „unternehmerischer Freiheit“ verstandene Opferbereitschaft seiner Kolleginnen und Kollegen, für den Erhalt ihrer Standorte auf Inflationsausgleich, Urlaubs- und Weihnachtsgeld zu verzichten, sah er als Hebel, um in den Verhandlungen um die Opel-Zukunft als Subjekt aufzutreten. Die eingestandene Lage der Beschäftigten, wie abhängig sie von ihren Jobs sind, wird ihnen damit genau nicht zum Argument gegen ihre notorische Verliererposition in der Marktwirtschaft, sondern zum Grund, die eigenen Ansprüche so zuzurichten, dass diese Beschäftigung erhalten bleibt – und sich das auch noch als goldrichtig zu denken. Das schlagende Argument heißt „Arbeitsplätze“ und je nach Konjunktur hängt ein „retten“ dran. Der Lohn wird vor einem solchen Blick nicht zum Symbol für die Trostlosigkeit der produktiven Armut im Kapitalismus. Im Gegenteil: Er wird von den Lohnabhängigen selbst als Instrument betrachtet, um mittels seiner Verkürzung Arbeitsplätze zu erhalten.

Der von linksradikaler Seite immer wieder beschworene Gegensatz zwischen „korrumpierten“ Betriebsräten und kämpferischen Belegschaftsteilen ist im Brennglas der Krise als das Märchen zu erkennen, das er unter dem Maßstab „Arbeitsplätze“ immer ist. Die Franz‘, Hücks (Porsche), Einenkels (Opel Bochum) oder Sindels (Quelle) denken (dachten) und tun (taten) genau das, was seitens der großen Mehrheiten der Belegschaften von ihnen erwartet wird (wurde). Das wird bis ins Groteske durchgehalten: Während sich Opelaner alle paar Wochen bei gegenseitigen Kundgebungsbesuchen ihre unverbrüchliche Solidarität zusicherten, rechnete Rainer Einenkel in der „Wirtschaftswoche“ sachkundig vor, dass von den Opel-Standorten „Bochum effizienter ist als Rüsselsheim“ und als Antwerpen schon gleich.

Doch selbst wer am Standort Deutschland auf diese Weise so erfolgreich Lohnarbeit und Eigentum versöhnt, gilt der Gegenseite bloß als störend. Dass es überhaupt Lohnarbeit als mit allem rechtlichen Segen gefasstes „Interesse“ in der höchsten Marktwirtschaft gibt, ist für das Kapital ein einziges Verbrechen am Betriebsfrieden und am „sozialen Frieden“, als der der Klassenkampf von oben hier allerorts gefeiert wird. Dieser Maximalismus, im Wort „betriebsratsverseucht“ von Obi-Managern geprägt, ging den Unwort-Juroren zu weit. Die sprachlichen Feingeister störte dabei keineswegs, wie in Deutschland mit denen, die die Arbeit zum Reichtum abliefern, umgesprungen wird, sondern sie sorgten sich um die Dauerhaftigkeit dieser nationalen Harmonie, wenn zu rüpelhaft mit ihr umgesprungen wird. Die für die Profite so nützliche Proleten-Denkweise, sich den Erfolg des „eigenen“ Konzerns nicht als die möglichst gelungene „eigene“ Ausbeutung richtig zu erklären, sondern als Produkt der „Beiträge“ von „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“, bedarf der ständigen öffentlichen Pflege. Dass die Gründung von Betriebsräten in einem solchen Verhältnis ein hohes Rechtsgut ist, sollte einmal den Blick auf ein wirkliches Unwort lenken, dass des 20. Jahrhunderts nämlich: „Errungenschaften“. Nicht alles, worum man hart kämpfen muss, ist auch richtig.