Fortgesetzte Misshandlung

Das einzige Problem für Schüler in Deutschland: lüsterne und brutale Priester und Pädagogen |

Georg Ratzinger, der Bruder von Papst Benedikt XVI., hat mitten im Geschrei um die öffentliche Wahrnehmung zahlloser Fälle von Missbrauch und Misshandlung in kirchlichen Institutionen, für einen speziellen Aufreger gesorgt: Der langjährige Leiter der Regensburger Domspatzen räumte ein, während der Proben mit dem weltberühmten Knabenchor mit Ohrfeigen operiert zu haben. Er distanzierte sich jedoch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte davon und betonte, er sei „innerlich erleichtert“ gewesen, als der Gesetzgeber 1980 körperliche Züchtigungen im Schulbereich ganz verboten habe. Er habe sich „striktissime“ an die neue Rechtslage gehalten.

Diese Reflexion wurde Ratzinger und seinem Milieu als höhere Stufe der Heuchelei ausgelegt. Ein frommer Mensch habe die Prügel-Praxis nicht ohne Druck des Gesetzgebers aufgeben können (?), zweifelte das „Neue Deutschland“ höhnisch und stellvertretend für alle, die die Schulreformen der 70er und 80er Jahre in Westdeutschland für einen – wenn auch späten – Fortschritt halten. An das Verhältnis von politisch gesetztem Recht und öffentlich gepflegter Moral werden sie dabei nicht gerne erinnert. Und darin, das macht ihre Bewertung deutlich, lag Georg Ratzingers Fehler, als er aufrichtig bekannte, bis zum Ende der 70er Jahre seien Ohrfeigen „die nächstgelegene Reaktion auf eine negative Leistung oder ein Versagen gewesen“.

Schläge ins Gesicht – auch die Unzahl volkstümlicher Ausdrücke dafür erinnert daran – waren prägender Bestandteil der nationalen Erziehungskultur. Und so, wie man sich in den 20er, 30er und 50er Jahren im deutschen Schulbetrieb schwer verdächtig gemacht hätte, wenn man gegen ihre Verabreichung öffentlich aufgetreten wäre, wäre man heute unten durch, wenn man sich für sie ausspräche. Der westdeutsche Staat hat sich von der Vorhut der 68er belehren lassen, dass sich für das, was er mit seinem Nachwuchs vorhat, bürgerlich-geschäftsmäßige Sachlichkeit als Rahmen besser eignet denn patriarchalisch-herrschaftlicher Furor. In der Übergangszeit, als der Streit um die körperliche Züchtigung geführt wurde (Bayern war wie immer in solchen Dingen etwas hinten dran), galt ihre Abschaffung den einen als „fortschrittlich“ und den anderen als „neumodisch“.

Heute zählen sie zur Kategorie „Misshandlung“. Und warum? Weil es eben Gesetzeslage ist. Der Staat hat seinen Umgang mit der Jugend gemäß seinen Kalkulationen mit dieser seinerzeit neu verrechtet. Wie jedes Gesetz ist auch dieses durch die einschlägigen Grundgesetz-Artikel als Dienst an der Menschenwürde sanktioniert. Der dementsprechend politisierte Staatsbürger denkt sich jede Gesetzeslage nur so, dass dem Menschen durch seine Herrschaft Rechte und Ansprüche zugänglich gemacht werden, die quasi von Natur zu ihm gehören.

Und diejenigen, die dies und andere Schulreformen damals feierten und auch heute noch hochhalten (einige von ihnen schafften unter ausdrücklicher Bezugnahme auf die Menschenwürde de facto das Asylrecht ab oder bombardierten Jugoslawien) können sich die Abschaffung der Prügelstrafe in Schulen nicht als neuen interessierten Blick der demokratischen Herrschaft auf ihr heranwachsendes Staatspersonal vorstellen, sondern nur als „Fortschritt“ und Dienst am Menschen. Nicht einmal der entsetzliche Umstand, dass die demokratische Öffentlichkeit jahrzehntelang sehr gut und augenzwinkernd damit leben konnte, dass Klosterschulen und Erziehungsheime unverhohlen als Schauplätze von vielerlei Exzessen galten, kann solch gefestigtes Untertanenbewusstsein verstören.

Der Demokrat lobt die Demokratie immer mit der Aufzählung all dessen was sie nicht ist (aber sein könnte), also auch die heutige demokratische Schule, die sich von solchen Institutionen abhebt: das, was im Gesetzbuch als „Misshandlung“ steht, findet dort nicht statt. Die heutigen Verhältnisse an den Schulen sind durch solche öffentliche und private Empörung über die Tritte und Fehltritte in Internaten und Klosterschulen schwer geadelt und mit großen indirekten Komplimenten bedacht. So etwas gibt es heute nicht mehr – und wenn, dann ist es verboten.

Keine Misshandlung ist also die maßlose Konkurrenz, wo die „wichtigste Ressource der Nation“ (sie bezeichnet sich bei ihren Protesten auch noch selbst gerne so!) für den erfolgreichen Einsatz zur Mehrung der nationalen Machtmittel hergerichtet wird. Der Wettbewerb ist das Prinzip der Schule im demokratischen Kapitalismus. Die Brutalität, die zur Auslese der für die jeweiligen Pläne des Standorts Geeignetsten, wird darin mittlerweile von den Schülerinnen und Schülern gegeneinander ausgeübt. Sie haben sich gegenseitig zu brechen. Natürlich gibt es auch Spielregeln. Wer dagegen verstößt, hat gemobbt. Der gehässige Schlachtruf im erlaubten Betrieb lautet „Gerechtigkeit“ – also Schaden für die anderen. Und auch dem letzten CSU-Bildungspolitiker leuchtete letztlich ein: Eine gewalttätige Oberinstanz auf dem Katheder, möglicherweise noch mit geschmäcklerischen Vorlieben, wäre in einem solchen Verfahren störend, wo alle ihren jeweiligen Erfolg (besser oder schlechter als andere zu sein) als in ihrer Natur bereits angelegt anerkennen sollen. Und dadurch die Schule als Dienst am Schüler und Mittel zu seiner Verwirklichung.

Über allen Rechtfertigungsideologien für diesen Rassismus der Nützlichkeit thront der Begriff „Selbstbewusstsein“. Der Trick, wie dieses Wort darin gebraucht wird, besteht darin, dass sein Sinn genau umgekehrt wird: Das verlangte Selbstbewusstsein heißt, sich eben nicht anzusehen, was da zu welchem Zweck mit einem passiert und an einem exekutiert wird. Sich nicht bewusst zu machen, wie man in diesen Berechnungen vorkommt – als Ressource. Sondern mit der Bereitschaft anzutreten, sich durchzusetzen; und sich selbst über das zu definieren, wie man in der Schulkonkurrenz abschneidet. Die ideologische Verfasstheit der demokratischen Schule hat im Amoklauf einen konsequenten Kurzschluss. Dort, wo das zum Urteil über den Menschen überhöhte Wettbewerbsergebnis die Schulkarriere betreffend vernichtend ausfällt und das gekränkte idealistische Selbstbewusstsein nach einem radikalen Gegenbeweis trachtet.

Wer solches Bildungswesen unverbrüchlich als „Fortschritt“ gegenüber den Watschen Ratzingers und seiner Amtsbrüder betrachtet, will nicht wissen, wozu es da ist.