„Der Staat“ und „die Märkte“ – 2. Teil

Referat und Diskussion,
Mittwoch, 21. Juli, 20 Uhr,
Jugendzentrum Dorfen =

Wir haben am 12. Mai anlässlich des griechischen Staatsbankrotts und der damals in Deutschland erfolgreich tobenden Hetzkampagne gegen die Griechen als das faulste und betrügerischste unter den mit uns befreundeten Völkern darüber gesprochen, wieso sich kapitalistische Staaten überhaupt verschulden und warum sie das auch brauchen. Zwischen der Versendung der Einladungen zu diesem Termin und dem Abend selbst ging es allenthalben plötzlich nicht mehr „nur“ um Griechenland, sondern um die ganze Euro-Zone …

Bei einem zweiten Termin am 21. Juli soll die andere Seite des Verhältnisses von Staatenwelt und Finanzkapital angesprochen werden. Am Beispiel Deutschlands geht es um die Bemühungen, die die staatlichen Gewalten aktuell unternehmen, um ihre jeweilige Geldmacht zu retten. Also: Warum soll ausgerechnet eisernes Sparen am unteren Ende der sozialen Skala die Finanzmärkte beeindrucken? Warum macht der Staat praktisch eine Unterscheidung zwischen „guten“ und „schlechten“ Schulden und lässt das die daran gemessen nützlichen wie unnützen Teile seiner Bevölkerung auch sehr gewaltsam spüren? Warum setzt der Staat zum Beweis seiner „ökonomischen Vernunft“ gegenüber den Investoren auf einen Machtbeweis nach innen?

Die weiter andauernde weltweite Finanzkrise beschreibt seit ihrem Beginn im Jahr 2007 so etwas wie eine ständige Bewegung vom Rand zum Kern, ebenso die Aufbereitung in Medien und Politik: Begonnen hat es mit US-Häuslebauern, die sich übernommen haben; als das nicht mehr zur Erklärung der Summen ausreichte, die zur Rettung der Finanzmärkte ab Mitte 2008 aufgerufen wurden, war es plötzlich die Gier der „Bankster“, die Schuld gewesen sein sollte; nächster Schritt war, dass die Finanzmärkte selbst – und ganz sachlich – nicht mehr an die Bedienung der Schulden glaubten, die Staaten bei ihnen – für Krisenbewältigung und Rettung der Finanzmärkte! – gemacht hatten; da waren es zunächst die Schummel-Griechen, dann bis zum jetzigen Zeitpunkt die „Spekulanten“, die angeblich gegen ganze Staaten zocken (Gott, steh uns bei!).

Die aufgezählten „Erklärungen“ von dieser rassistischen, hetzerischen und irreführenden Sorte sind alles andere als harmlos: Sie sind das praktische und notwendige Bewusstsein für das – nicht nur durch die Krise – immer auslaugendere Funktionieren als Schüler, Auszubildender, Student, Lohnabhängiger oder Familienfunktionär. Wenn man selbst den Schaden hat, muss irgendwo jemand schuld gewesen sein. Der Rest wird auch von den sonst Schlauesten den Experten überlassen – mitten in einer sich selbst für irre kritisch haltenden Gesellschaft, deren Mitglieder z.B. jederzeit überzeugte Standpunkte zu Vorgängen im Iran, in Russland, im Sudan oder in Nordkorea hersagen können.

Es ist zwar bemerkenswert, aber für demokratische Untertanen auch irgendwie folgerichtig, dass sich im mittlerweile dritten Krisenjahr weiter kein nennenswerter Bedarf an einem Verstehen dieser kapitalistischen Verhältnisse rührt, in deren Namen so „alternativlos“ (Merkel/Seehofer/Gabriel/Westerwelle/Künast/Gysi) wie gewalttätig gegen die Lebensbedingungen der Menschen hier und anderswo vorgegangen wird.

Bei der Veranstaltung kann nicht geleistet werden, umfassend zu klären, wie der beim letzten Mal als notorisch-notwendiger Schuldner vorgestellte Staat sein Machtmittel Geld über die Banken in die Welt bringt und sein Volk dafür herrichtet, der Geld-/Eigentumslogik gemäß zu reinzuhauen. Der Abend ist jedoch als Aufruf dazu gedacht, sich einmal dauerhaft und ernsthaft mit dieser Logik zu beschäftigen. Denn wer zur Marktwirtschaft nicht mehr Richtiges als „Scheiße“ sagen kann, kann auch nichts gegen sie unternehmen.


3 Antworten auf “„Der Staat“ und „die Märkte“ – 2. Teil”


  1. 1 kucaf 11. September 2010 um 22:39 Uhr

    Kapitalismus begreifen, das ist doch was und wie wird Kapitalismus begriffen? Oder besser, wie wurde er begriffen? So wie er begriffen werden will und dem Beitrag folgend begriffen wurde, oder wie er ist?
    Viel wird von Geld geschrieben, aber was ist Kapital, der Namensgeber? Es wird von Spekulationen geschrieben, nur warum wird spekuliert? Und wenn schon einmal darüber nachgedacht wird, wieso gibt es eigentlich Krisen?
    Was soll es, auch ein Missverständnis ist nur ein Verständnis, ich verstehe, oder auch nicht!?

  2. 2 Administrator 11. September 2010 um 23:37 Uhr

    @kucaf
    Der Kapitalismus will nicht begriffen werden. Und Du anscheinend auch nicht.

  1. 1 contradictio.de » Veranstaltungen » 21.07.10 | Dorfen | Der Staat und die Märkte (2. Teil) Pingback am 19. Juli 2010 um 19:12 Uhr
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