Sarrazins Buch ein Skandal – seine Diagnose in der Nation fast unumstritten

Diskussionsveranstaltung am
Freitag, 22. Oktober, 20 Uhr
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Wagnergasse 10, 84034 Landshut

Sarrazins Buch wurde zum Skandal, weil es den politischen Anstand verletzt; so darf man nicht über die soziale Unterschicht im Allgemeinen und muslimische Zuwanderer im Besonderen reden: Der „Nestbeschmutzer“ schade dem Ruf eines weltoffenen Gemeinwesens; „wenig hilfreich“ seien solche Töne bei der Integration problematischer Volksgruppen, sogar „eine Gefahr für Deutschland“: Lauter Hinweise auf die politische Sache, die Sarrazin und seine Gegner eint! Die Elite der Nation diskutiert über ihr Volk – und ist unzufrieden mit Zustand wie Benehmen der niederen Stände.

Fast alle finden Sarrazins Diagnose richtig
Darum sagen fast alle: Mit seiner Diagnose hat Sarrazin im Prinzip Recht. Ja, es gibt eine starke Minderheit „nicht-integrierter“ Menschen, auf die das Etikett „Parallelgesellschaft“ zutrifft; Teile der ausländischen Unterschicht sind „Integrationsverweigerer“, haben sich im Sozialsystem eingehaust und sind also ein Problem – für dieselbe Nation, die ihnen Probleme bereitet.

Die Diagnose ist ein Zerrbild! 356€ Hartz IV nebst Zusatzzahlungen sollen ein unverdienter Reichtum sein, in dem sich Unterschichtler häuslich einrichten und zum Nichtstun und Kinderwerfen animieren lassen? Und: Stehen diese Volksgruppen wirklich außerhalb der freien Marktwirtschaft? Ist ihre soziale Randlage nicht eher Produkt einer Wirtschaft, die mit lohnender Arbeitsleistung kalkuliert und deshalb Millionen für unbrauchbar erklärt? „Entziehen“ sich Arbeitslose und Wohngeldbezieher dem alltäglichen Überlebenskampf, ist „Obst- und Gemüsehandel“ in den Elendsvierteln eine Frage der Lebensart? Oder ist der verarmte Bodensatz unserer „Leistungsgesellschaft“ der zum weltweiten Kapitalismus dazugehörige menschliche Abfall?

In der Konkurrenz verlieren – sich noch besser integrieren!
Auch über den aus der Diagnose folgenden Imperativ herrscht Einigkeit: Prekariat & Ausländer müssen „sich integrieren“. In was eigentlich? Die Antwort stellt klar, dass Integration weniger ein Angebot ist, sozial Schwachen und Fremden beim Zurechtkommen zu helfen, als eine praktizierer Zynismus: Die notorischen Verlierer des Kapitalismus sollen sich unverdrossen bemühen, sich in die Verhältnisse zu integrieren, die sie dazu gemacht haben, was sie sind, sie sich also als Chance und Angebot zurechtlegen und sich die Bewährung darin als Lebenssitte zu eigen machen.

Richtig übel nimmt die regierende Elite Sarrazin dagegen seine Begründung. Natürlich sei die Kriminalitätsrate hoch und die demografische Entwicklung besorgniserregend; natürlich lasse die „Integrationsbereitschaft“ zu wünschen übrig, v. a. in „sozialen Brennpunkten“ und bei „Jugendlichen mit Migrations-hintergrund“. Dennoch seien Anpassungswille und -fähigkeit ganzer Bevölkerungsteile „nicht pauschal“ zu bestreiten; erst recht beweise die zunehmende Existenz solcher Problemfälle kein generelles „Scheitern“ von Integration.

Aus Sorge um Deutschland gegen die herrschende Elite

Darin besteht die Entzweiung: Der Mann mobilisiert die Sorge um Deutschlands Zukunft gegen die Integrationspolitik der amtierenden Elite; die schlägt auf der selben Ebene zurück: Sie erklärt den Übergang zum Rassismus der „Intelligenz“ bzw. „Volksnatur“ für unvereinbar mit dem demokratischen Selektionsprinzip der Chancengleichheit, sie verteidigt Integration als gelungene Mischung aus Einspannen nützlicher Dienstleister und Härte gegen Schmarotzer. So wollen Merkel und Gabriel ihr nationalistisch verdorbenes Volk dem „Populisten“ Sarrazin abspenstig machen: Sortierung und Beaufsichtigung der nationalen Manövriermasse aus aller Herren Länder sind bei ihnen gut aufgehoben. Das Volk darf also wählen: mehr Ausgrenzen oder besser Einbinden – was für eine Alternative!

Die Sache selber – die Lebensbedingungen, Gesetze und Sitten der Nation, an die sich angepasst werden soll, d.h. Deutschland – kommt in dieser furchtbaren Debatte gar nicht zur Sprache bzw. ziemlich gut weg, indem sie als unumstößlich, also als das Maß aller Dinge vorausgesetzt wird!

Stoff genug für die Frage: Integration – was ist das, wie geht das und warum ist sie so umstritten?


1 Antwort auf “Sarrazins Buch ein Skandal – seine Diagnose in der Nation fast unumstritten”


  1. 1 contradictio.de » Veranstaltungen » 22.10.10 | Landshut | Sarrazins Buch ein Skandal – seine Diagnose in der Nation fast unumstritten Pingback am 18. Oktober 2010 um 7:20 Uhr
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