Das höhere Bildungswesen im Kapitalismus: Ausbildung und Einbildung der Elite

Zwei Vorträge mit Diskussion

Prof. Dr. Egbert Dozekal (Frankfurt/M.) wird an zwei Abenden folgende Wissenschaften kritisieren:

BWL -VWL – Jura – Soziale Arbeit – Literatur-, Natur- und Ingenieurwissenschaft

am Mittwoch/Donnerstag, 29./30. Juni, Beginn jeweils 20 Uhr

LMU München, Hauptgebäude, >>> Raum F 007 < <<

Das moderne Gemeinwesen bezeichnet sich stolz als „Wissensgesellschaft“, die auf der umfassenden Erkenntnis ihrer selbst und der sie umgebenden Natur beruht. In der Tat kann man an hiesigen Hochschulen fast alles studieren, von Atomphysik bis Zahnmedizin, von Altertumswissenschaft bis Volkswirtschaftslehre. Anlass, sich dem Selbstlob dieser Gesellschaft anzuschließen, ist das aber noch lange nicht.

Es gibt etliche Studiengänge, und zwar die am meisten frequentierten wie Betriebswirtschaftslehre oder Rechtswissenschaften, da kann man schon an dem Studium selbst merken, mit was für einer Gesellschaft man es zu tun hat; da verraten schon Modulhandbuch und Stundenplan den Klassen- und Herrschaftscharakter einer Gesellschaft, die so ein Wissen braucht. Und die verlangt offensichtlich ein Heer von wirtschaftswissenschaftlich ausgebildeten Handlangern der innerbetrieblichen Ausbeutung und zwischenbetrieblichen Konkurrenz, von rechtskundigen Agenten der Herrschaft, von in Sozialer Arbeit qualifizierten Profis der Elendsverwaltung und Integration gesellschaftlicher „Randgruppen“, und nicht zuletzt, von geisteswissenschaftlich gebildeten Profis in Sinnstiftung für Konkurrenzsubjekte und Staatsbürger.

Bei etlichen anderen Studiengängen, den Natur- und Ingenieurwissenschaften, gibt spätestens der Beruf Auskunft über den gesellschaftlichen Stellenwert des im Studium gelernten objektiven Wissens über die Natur und seine technologische Anwendung. Das Heer von Naturwissenschaftlern, Technikern und Ingenieuren, das die Unternehmen und der Staat beschäftigen, zeugt von dem Nutzen für die hierzulande herrschenden Interessen: von ihren Beiträgen für den unternehmerischen Erfolg in der nationalen und internationalen Konkurrenz und von ihren Diensten für den Staat in Sachen Standortpflege und militärischer Staatenkonkurrenz.

Der Vortrag zum höheren Bildungswesen führt exemplarisch an einigen Studiengängen den intellektuellen Bedarf dieser Gesellschaft vor: Was die zukünftige akademische Elite an der Hochschule lernt, und von was für einer Gesellschaft das vermittelte Wissen zeugt. Vielleicht ist er damit auch ein Beitrag zur Aufklärung einer Studentenschaft, die sich gerne über die Studienbedingungen beklagt, die der Staat in dem vergangenen Jahrzehnt mit seinen „Bologna-Reformen“ einschneidend verändert hat, aber an dem Studium selbst nichts zu kritisieren hat.


1 Antwort auf “Das höhere Bildungswesen im Kapitalismus: Ausbildung und Einbildung der Elite”


  1. 1 Dialectic Progress 13. November 2011 um 9:17 Uhr

    Bildung ist prinzipiell erstmal nichts verwerfliches. Kenntnisse in Wirtschaftswissenschaft auch nicht. Die negative Kritik muss sich auf die Verhältnisse beziehen, in denen dieses Wissen gegen den gesellschaftlichen Fortschritt ausgenutzt wird und nicht gegen das Wissen, das erlernt wird. Eine Maschine ist ja auch nicht „böse“, weil sie Arbeitsplätze ersetzt, sondern die Produktionsverhältnisse, die dazu führen, sind das Problem.
    Ja, ein Teil des Wissens ist tatsächlich auch gegen den gesell. Fortschritt gerichtet; es ist aber nur ein Teil des Ganzen. Und das Ganze ist „mehr“ als nur ein Teil.

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