Liebe, Partnerschaft, Familie – Vom unerbittlichen Glücksanspruch der bürgerlichen Privatsubjekte und seinem enormen sittlichen Ertrag

Vortrag und Diskussion

Donnerstag, 13.12. 19.00 Uhr Uni-Hauptgebäude, Hörsaal A 125

Veranstalter: Gegenargumente

Donnerstag, 13. Dezember, 19.00 Uhr

Uni-Hauptgebäude, Hörsaal A 125

Sex, Liebe, entsprechende Beziehungen anknüpfen, eine Familie gründen, Kinder in die Welt setzen und großziehen, das ist für Jung und noch nicht ganz Alt das, auf was es entschieden ankommt im Leben. Alle sind damit beschäftigt, auf mehr oder weniger verbindliche Weise ihr privates Glück zu suchen und zu organisieren. Nichts ist wichtiger für ein erfülltes Leben als eine intakte Beziehung, eine funktionierende Familie. Nichts aber auch schwieriger, heißt es. So widmen sich Millionen von freien Individuen der Gestaltung ihrer Privatsphäre, suchen nach der Liebe ihres Lebens, treffen sie sogar – bisweilen mehrmals –, gehen eine dauerhafte ‚Beziehung‘ mit all ihren ‚Freuden und Leiden‘ ein, gründen einen ‚Hausstand‘ mit oder auch ohne Kinder … ‚Lebensmittelpunkt‘ nennt man die Abteilung dann, in der man sich auf seine Vorlieben und Neigungen konzentrieren und seine persönliche Freiheit verwirklichen darf. Denn in Liebesdingen herrscht Freiheit in unseren aufgeklärten Zeiten.

Freilich: Es ist nicht zu übersehen, dass mit der ‚Befreiung der Sexualität‘, der Gleichstellung von Mann und Frau und den gewachsenen Freiheiten diese Sphäre nicht einfach freier, nicht einmal gewaltfreier geworden ist. Ausgerechnet die Privatsphäre stiftet den meisten Verdruss. Ausgerechnet da, wo das ‚erfüllte Leben‘ und das Glück miteinander stattfinden sollen, machen die Beteiligten sich und anderen das Leben in den seltensten Fällen dauerhaft ‚schön‘, viel eher schon mit ihren Ansprüchen aneinander schwer und ungemütlich, oft unerträglich; da werden sie nicht selten gewalttätig, nehmen mitunter sich oder ihrem Gegenüber bzw. einer konkurrierenden Liebschaft oder auch den Kindern das Leben. Kurz: Das Streben nach Glück schlägt regelmäßig um in Unglück, Gehässigkeit, Gewalt … Da sind all die Individuen, die sich ganz individuell um die Gestaltung eines beglückenden Privatlebens kümmern, mit ihren Liebesfreuden und -nöten, Familien- und Eifersuchtsdramen alles andere als einzigartig. Im Verlauf der Jahre sehen Jungverliebte genauso wie Typen, die ihr Liebesleben freier oder auch gleichgeschlechtlich gestalten, Individuen, die mit ihrem Privatleben nie werden wollten wie ihre Eltern, denen in der Regel dann doch regelmäßig ziemlich ähnlich, führen sich entsprechend auf und erleben die entsprechenden Enttäuschungen. Und doch wollen die wenigsten von ‚einem Leben zu zweit‘ lassen, nicht einmal die, die sich scheiden lassen.

Es ist offensichtlich, dass alle Beteiligten die Privatsphäre mit Ansprüchen an ein gelungenes Leben befrachten, das die garantieren soll, und dass sie dabei sich und ihr jeweiliges Gegenüber laufend fordern – und überfordern. Das allseits geschätzte bürgerliche Privatleben, dieses Reich der persönlichen Freiheit, ist voll mehr oder weniger unerfüllbarer Forderungen, die die Beteiligten gegeneinander geltend machen. Dass die scheitern, führen die Beteiligten weniger auf die objektiven Schranken zurück, die Zeit und Geld dem privaten Glücksstreben setzen, und schon gar nicht auf das wechselseitige Anspruchsniveau. Vielmehr machen sie ihr jeweiliges Gegenüber dafür haftbar und verantwortlich, dass das Leben zu zweit oder mit Familie gelingt und warum es nicht gelingt.

Sie gehen davon aus, dass aus der persönlichen Bindung, die sie freiwillig ein gehen, Anrechte erwachsen, Pflichten und ‚Liebesdienste‘, die man selber dem anderen, die aber vor allem der andere einem schuldet. So verwandelt sich Zuneigung in geforderte ‚Verantwortung‘ für Partner und Familie und in ein Recht, auf dem man bestehen kann. Da werden materielle Opfer, die man für den anderen bringt und deshalb erwarten darf, sowie persönlicher Einsatz in und außerhalb der Berufswelt im Dienste der Beziehung zum fraglos gültigen Argument.

Kurz: Die Welt der persönlichen Beziehungen und der Organisation des privaten Lebensglücks ist voller Gebote und Verbote, die Jung und Alt einander abverlangen. So funktionieren die persönlichen ‚Bindungen‘ dann nicht nur als Reproduktionsgemeinschaft, sondern auch als Betätigungsfeld einer allgemein anerkannten Moralität, der sich das private Glücksstreben verpflichtet weiß und mit der sich die Beteiligten traktieren.

Das hat seinen gesellschaftlichen Grund, der im Vortrag näher erläutert werden soll: Die Privatsphäre ist mit den individuellen Anstrengungen, ein halbwegs ‚erfülltes Leben‘ zu organisieren, wie mit den objektiven Schranken, die man dabei erfährt, nur die andere Seite einer kapitalistischen Erwerbswelt, die sowohl das Bedürfnis nach Glück stiftet wie dessen bescheidenen Umkreis definiert.

Gar nicht bescheiden sind dagegen die Leistungen, die die bürgerlichen Privatindividuen mit ihrem Liebes-, Partnerschafts- und Familienleben für die materielle wie sittliche Reproduktion der Gesellschaft erbringen. Der Staat institutionalisiert deswegen mit Recht und Gesetz diese Verhältnisse, die er als seine materielle wie sittliche ‚Keimzelle‘ schätzt.