Von wegen „soziale Frage“ – Notwendigkeit und Nutzen der Armut in der Marktwirtschaft – Eine Aufklärung über Arbeit und Reichtum im Kapitalismus

Eine Aufklärung über Arbeit und Reichtum im Kapitalismus -
Vortrag und Diskussion –
Donnerstag, 21. März 2012, 19.30 Uhr –
LMU München, Hörsaal W 201, Professor-Huber-Platz 2 – (gegenüber Hauptgebäude)
U-Bahn: Universität

Armut gehört für jedermann offensichtlich zum festen Inventar unserer schönen deutschen Marktwirtschaft. Die brummt derweil und legt seit der Krise von neulich eine jährliche Steigerung der Exportüberschüsse, der Staatseinnahmen und des DAX nach der anderen hin.

Man könnte angesichts dessen das Offensichtliche zur Kenntnis nehmen: Der Reichtum der Nation verträgt sich wunderbar mit massenhafter Armut un- ter ihren Einwohnern. Und jeder weiß ja auch, dass der nationale Reichtum nicht als große Liste nützlicher Güter bilanziert wird, mit denen die materiellen Bedürfnisse der Leute zu befriedigen wären, sondern als Geldsumme: als Summe der Gewinne, die kapitalistische Unternehmen erwirtschaften, die ausschließlich ihnen gehören und für die sie eine einzige Verwendung wissen – den Einsatz für die Erwirtschaftung noch größerer Gewinne. Dass das am besten dann funktioniert, wenn die Arbeitskräfte, derer sie sich dafür bedienen, möglichst wenig Lohn bekommen – auch das gehört zum Allgemeinwissen: Jeden Tag verkünden Politik und Wirtschaft, dass der konkurrenzlos effektive Niedriglohnsektor samt aller begleitenden Regelungen eines der entscheidenden Erfolgsgeheimnisse des deutschen Wirtschaftserfolges darstellt.

Man könnte von daher zu dem Schluss kommen, dass die Armut derer, die den Reichtum der Gesellschaft produzieren, notwendige Folge wie nützliches Mittel für diesen Reichtum ist. Und man könnte der Frage nachgehen, warum und wie die Arbeit den Reichtum derjenigen mehrt, die arbeiten lassen, aber denen, die auf Arbeit und Einkommen angewiesen sind, weder ein ordentliches Auskommen noch überhaupt die Gelegenheit, sich eines zu verdienen, sichert… Wie gesagt: So könnte man dem offensichtlichen Sachverhalt auf den Grund gehen. Muss man aber nicht.

Man kann nämlich auch

  • – Armut als schweres Schicksal bedauern und daran erinnern, dass sich hinter den ‚anonymen Zahlen konkrete Menschen verbergen‘. Mit dieser Verschiebung von Armut auf die individuelle Betroffenheit der Armen und die Beteuerung, dass das niemand wollen kann, hat man deren ‚Schicksal‘ schon einmal grundsätzlich von dem System der Marktwirtschaft abgetrennt, in dem Armut entsteht und sich endlos reproduziert.

    – darüber herumrechten, welche Formen von materieller Beschränktheit und Opferung von Lebenszeit für den Kampf um die immer prekäre Existenzsicherung überhaupt das Etikett ‚Armut‘ und damit das allgemeine Mitleid verdienen. Auf diese Weise gelangt man garantiert zu einer Definition von Armut, die sie aufs Komma genau als Abweichung von einem rechnerischen Durchschnitt beschreibt. Und wenn Armut die Abweichung von einem Durchschnitt ist, dann ist damit streng mathematisch bewiesen, dass die Millionen Fälle von Armut millionenfache individuelle Ausnahmen von der Regel sind, die man so gleich miterfunden hat: dass beim ‚normalen‘ Arbeitsvolk von Armut jedenfalls im Prinzip keine Rede sein kann.

    – diese Millionen ausnahmsweisen Armutsfälle als Fälle eines eingetretenen individuellen Armutsrisikos pro- blematisieren und die These aufstellen, dass Umstände wie Kinder, Ausbil- dungsnachteile, Krankheit, Jugend, Alter, … dieses Risiko erhöhen. Auf die Weise hat man ohne großes Aufheben die marktwirtschaftliche Verrücktheit einfach so durchgewunken, dass mitten in einer hochgradig arbeitsteiligen und auf immer neuem technologischen Niveau produzierenden Gesellschaft aus- gerechnet das materielle Leben und Auskommen das Abfallprodukt eines privaten Kampfes auf sich allein ge- stellter Individuen ist. Nur um diese üble Wahrheit in die Lüge zu verwandeln, dass dann die Gründe für ein ‚Abrutschen in die Armut‘ in den privaten Lebensumständen der Einzelnen liegen müssen – die sich wie durch ein Wunder allesamt bei denen einfinden, die auf Erwerbsarbeit angewiesen sind und die regelmäßig zu spüren bekommen, dass sich diese Abhängigkeit nicht mit einem ordentlichen Leben, nicht mit Kinderkriegen, Alleinerziehen und Alleinverdienen, nicht mit Krank- und Altwerden, … verträgt

    – schließlich vom Staat „Beschäftigungspolitik“ fordern. Auf die Weise hat man dann endgültig Lohnarbeit in das Gegenteil von Armut verwandelt. Peinlich ist das nicht nur deswegen, weil zugegebenermaßen Armut in der Marktwirtschaft die Lage oder das Risiko just derjenigen ist, die auf Lohnarbeit angewiesen sind. Sondern obendrein erfährt man doch auch, dass der Staat dem Begehr nach möglichst vielen Arbeitsplätzen am effektivsten dadurch Rechnung trägt, dass er gesetzliche Bedingungen des „Arbeitgebens“ schafft, die allesamt eine Stoßrichtung haben: Sie zielen darauf, das Verhältnis von Lohn und Leistung für die kapitalistischen Unternehmen zu optimieren, also für die Arbeitenden möglichst ununterscheidbar von den Sorten von Armut zu machen, gegen die Beschäftigung das Allheilmittel sein soll. Damit wird – ganz nebenbei – eingestanden, was die wirkliche Unterscheidung ist, die die Marktwirtschaft zwischen ‚echter‘ Armut und allen anderen prekären Formen des Auskommens überhaupt nur kennt: Armut liegt marktwirtschaftlich betrachtet und als Problem seiner staatlichen Betreuer nur dort vor, wo Arbeitskräfte nicht kapitalistisch produktiv genutzt werden, wo sie also nicht in der Doppeleigenschaft als möglichst weidlich auszunutzender Produktionsfaktor und zugleich sparsamst zu kalkulierender Kostenfaktor gewinnbringend zur Anwendung kom- men.

  • Und Linke, allen voran die gleichnamige Wahlpartei samt ihrer Vordenkerin Wagenknecht? Auch die wollen von Lohnarbeit und der schäbigen Stellung, die ihr im System kapitalisti- scher Reichtumsproduktion zukommt, nichts mehr wissen. Lieber rufen sie „Sozial statt Krise!“ So geben sie zu Protokoll, dass ihnen gegen die Rücksichtslosigkeit des Kapitalismus gegen die Nöte und Notwendigkeiten seiner dienstbaren Massen kein anderes Argu- ment einfällt, als dass er sich damit am Ende noch ins eigene Fleisch schnei- det. Und mit der Parole „Reichtum umverteilen“ ergänzen sie diesen Op- portunismus um eine nicht minder große Lüge: Der Reichtum des Kapita- lismus sei letztlich doch so etwas wie ein im Prinzip für alles verwendbarer großer Topf, der leider die Tendenz hat, immer zu der Seite derjenigen hin überzulaufen, die ihn nicht erarbeiten, sondern erarbeiten lassen. Für die Lin- ke bedarf es bloß der beherzten Umverteilungspolitik des Staates, der sich mehr an diesem Reichtum bedienen und ihn dann zu denen hinlenken soll, die ihn schaffen, aber immer weniger zu Gesicht bekommen.

    Wie sie auf die Albernheit kommen, der Grund für Armut sei ihre fehlende staatliche Bekämpfung – das bleibt das Geheimnis der Linkspartei. Ebenso wie die Idee, ausgerechnet der Staat, der dieses System nützlicher Armut einrichtet, könnte genauso gut für alles Gute und Schöne zu haben sein. Kein Geheimnis ist da- gegen, wofür sie ihr Publikum mit diesem Mist behelligen: Sie bieten sich allen materiell Unzufriedenen als alter- nativ wählbare Armuts- und Reich- tumsbetreuer an. Auch Linke legen heutzutage die vom Kapitalismus per Benutzung oder per Nichtbenutzung Geschädigten auf die Perspektive fest, dass sie bloß ohnmächtige und abhän- gige Anhängsel wirtschaftlicher Kal- kulationen und staatlicher Regelungen sind, und dass das, was sie gegen ihre Armut tun können, nur in einem be- steht: Statt eigener Einmischung ein Kreuz für die Linke in die Wahlurne!